| Artikel der Ostfriesen
Zeitung
vom 17. November 1984 von Wolfgang Gerth
Das Schicksal der
Familie Ringena
im Ersten Weltkrieg / Sechs Söhne mußten an die Front
Zum morgigen
Volkstrauertag wird
in Reden, Berichten und Kommentaren wieder von den Millionen Menschen
gesprochen
und geschrieben werden, die im ersten und im zweiten Weltkrieg an den
Fronten
starben, die auf See blieben, in bombardierten Städten und
Dörfern
ihr Leben ließen und in Konzentrationslagern den Tod fanden. Wer
aber, der diese Zeit nicht am eigenen Leibe erlitten hat, denkt an die
unbegreifbaren "Millionen" an das Einzelschicksal hinter der leblosen
Zahl.......
Die OZ hatte die
Möglichkeit
mit Arnold Ringena zu sprechen einem der wenigen noch lebenden
Männer,
die das ganze Grauen des Ersten Weltkrieges am eigenen Leibe und in der
Familie erfuhren, einer Familie, aus der nicht weniger als sechs
Brüder
an der Front waren.
Als im vorigen Jahrhundert
Jan
Ringena und seine Frau Marie in Westerhusen / Ostfriesland den Bund
für
das Leben schlossen, wünschten sie sich, wie so viele Familien der
damaligen Zeit, einen reichen Kindersegen und der wurde ihnen geschenkt.
1888 kam der erste Sohn zur
Welt
und im Abstand von zwei Jahren wurden der Familie Ringena zehn Kinder
geboren,
sieben Jungen und drei Mädchen und für alle machten die
Eltern
Zukunftspläne. Sie sollten in der Landwirtschaft tätig sein
oder
studieren, Soldat werden oder nach Wunsch und Eignung Berufe anderer
Art
ergreifen.
Doch dann kam der Erste
Weltkrieg.
Zusammen mit den ersten, noch umjubelten Truppen zogen die
ältesten
beiden Brüder aus - aber schon weniger als ein Jahr nach dem
blumenbekränzten
Auszug an die Front traf in Westerhusen die Nachricht ein, daß
der
21 jährige Sohn Heinrich bei Lodz in Polen gefallen sei. Zum
erstenmal
hatte der Kriegstod die Familie Ringena berührt, aber es sollte
nicht
zum letzten Male sein.
Am 15. September 1915 wurde
Arnold
Ringena eingezogen und kam im Januar 1916 an die Front, gerade 20 Jahre
alt. Bei Lille ging er als einer der hunderttausend Soldaten in
Stellung
und wenig später begann die grauenhafte Schlacht an der Somme. Der
junge Soldat wurde durch einen Kopfschuß verwundet, aber das
bedeutete
nicht etwa das für ihn der Krieg vorbei war. Nach monatelangem
Lazarettaufenthalt
und Heimaturlaub ging es wieder an die Westfront zur gleichen Kompanie,
wo inzwischen auch sein Bruder Jan Dienst tat. Aber dabei blieb es
nicht.
Im März 1918 stieß auch noch Bruder Hermann
Ringena (Foto links),
der bis dahin bei den Goslaer Jägern gewesen war, zur gleichen
Kompanie
und wenn sie beim flackernden Glanz der Hindenburg Lichter in den
Unterständen
saßen oder in den Gräben der vom Krieg zerrissenen Erde auf
Wache standen, dann sprachen sie von zu Hause, vom fernen Ostfriesland
, von Westerhusen, von den Eltern und den anderen drei Brüdern,
die
wie sie an irgendeiner Front standen.
Am 21 . März 1918
begann um
Mitternacht das Donnern der Geschütze für eine neue Schlacht
an der Somme und mit dem beginnenden Tag stürmten sie im dichten
Nebel
nach vorne, sich an den Händen haltend, um sich nicht zu
verlieren,
aber als mit der aufgehenden Sonne die grauen Nebelschwaden zerrissen,
kamen ihnen die Tanks entgegen. Wieder war ein Angriff zum Stehen
gekommen.
Um ein paar Meter Boden........
Weil es eine Seltenheit
war, daß
drei Brüder gleichzeitig in einer Kompanie Dienst taten, ordnete
der
Kompaniechef an, daß sie nacheinander in Urlaub gehen sollten.
Jan
reiste als erster in die Heimat und es war das leuchtende Grün
eines
ostfriesischen Frühsommers, das ihn in Westerhusen für ein
paar
Tage umfing. Doch er ahnte nicht, was ihm der Rückweg bringen
sollte.
Am 18 Juni 1918 schlug eine
Granate
im Dorf Dernacourt bei Albert ein und tötete drei Soldaten.
Arnold,
der in der Nähe war, eilte zu der Einschlagstelle, holte in seinem
Stahlhelm Wasser, um die unkenntlichen, blutverschmierten Gesichter der
Toten zu waschen - und sah seinen Bruder Hermann.
Während seine
Tränen
auf das gesicht des Toten fielen, gab es für ihn nur einen
Gedanken,
der ihm auch heute noch eingebrannt ist: " Wenn das meine Mutter
wüßte,
das Herz im Leibe würde ihr zerspringen "
Er bestattete seinen Bruder
zusammen
mit den anderen Kameraden und auf einem einfachen Lattenkreuz schrieb
er
dessen Namen, doch hier zeigte das Schicksal des Krieges nocheinmal
sein
unbarmherziges Gesicht. Als Jan auf der Rückfahrt von Westerhusen
zur Front bei Albert zu einem nahegelegenen Friedhof kam, sah er das
frische
Grab und die Bleistift- Inschrift
Hermann Ringena geb.
13.1.1894
in Westerhusen, gef. 18.6.1918 zu Dernancourt bei Albert.
Arnold Ringena hatte nicht
die
Kraft, seiner Mutter den Tod ihres zweiten Sohnes mitzuteilen und so
schrieb
er an den Pfarrer von Westerhusen, doch als der zu ihrem Hause kam,
brauchte
er nichts zu sagen. Marie Ringena sah ihn nur an und fragte :
" Un well ist nu ? " (Und
wer ist
es diesmal?).

Arnold
(links) und Jan Ringena am Grab ihres
Bruders Hermann
Vier Brüder kehrten
aus dem
großen Völkersterben zurück und versuchten, ihr
früheres
Leben wieder aufzunehmen.
Arnold Ringena wurde im
Januar
1919 nach dreieinhalb Frontjahren entlassen, aber es war nicht sein
letzter
Krieg.
Am 1. September 1939 begann
der
zweite Weltkrieg, am 3. September hatte er bereits seinen
Einberufungsbefehl
und trotz zwischenzeitlicher Entlassung wurde der inzwischen fast 50
jährige
noch einmal geholt, um 1945 als Volkssturm Mann von Emden Borssum aus
die
bei Oldersum stehenden Engländer "zurückzuwerfen", wie der
damalige
Befehl hieß.
Ob sich junge Menschen
soetwas
heute vorstellen können?
Und heute? Arnold Ringena
hat dem
Foto, das ihn und Jan am Grab des Bruders zeigt, einen Ehrenplatz in
seiner
Wohnung gegeben, als Erinnerung und Mahnung zugleich und das OZ-
Gespräch
beendete er mit dem Satz: " Die größte Freude meines Lebens
war, daß Adenauer und de Gaulle die Völker zum Frieden
brachten
und die Freundschaft heute noch besteht. "
Wolfgang
Gerth 1984
Arnold Ringena starb am
27. Dezember
1998 im Alter von 102 Jahren in Greetsiel / Ostfriesland |