Man sagt, das Internet macht einsam. In meinem Fall trifft das ganz und gar nicht zu. Nach monatelangem E-mail-Kontakt mit Hubertus Ochsler und Alexander Kallis, hatten meine Frau und ich im Jahr 2001 das Vergnügen, sie jeweils mit ihrem Partnern bei uns in Hinte begrüßen zu dürfen. Beim Besuch von Hubertus im Juni entstand die Idee, doch "irgendwann" gemeinsam eine Fahrt nach Frankreich zu unternehmen. Die Gelegenheit dazu ergab sich schneller, als erträumt. Kurzentschlossen wurde die Chance beim Schopfe gepackt und am 9. Juli desJahres ging es los.Hubertus und AlexanderWir drei trafen uns im Heimatort von Hubertus, durchredeten eine lange Nacht und brachen am nächsten Morgen gut verpflegt (liebe Grüße an unsere "Ordonanz" !!) in Richtung Frankreich auf. 
Zunächst besuchten wir das Schlachtfeld  Vionville-Mars la Tour westlich der Stadt Metz. Dort hatte am 16. August 1870 eine der blutigsten Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 stattgefunden. An diesen Kämpfen waren die Truppen des X. Armeekorps, zu dem auch das Ostfriesische Infanterie Regiment Nr. 78 gehörte, maßgeblich unter hohen Verlusten beteiligt.

Für mich war es außerdem schon immer ein Herzenswunsch gewesen, den Ort zu besuchen, an dem mein Ur-Großvater Harm Dirksen am 2. August 1915 starb und dadurch den Kreis meiner jahrelangen Nachforschungen zu schließen. 
So machten wir uns von Metz aus auf den Weg und als die ersten Ausläufer der Vogesen in Sicht kamen, fragte ich mich unwillkürlich, welche Gedanken denn wohl Harm Dirksen damals beim ersten Anblick dieser - für einen Ostfriesen atemberaubend - hohen Berge bewegt haben mögen.
Nach einem tollen Abendessen und einer Übernachtung  "beim Kieffer" (Hotel-Restaurant Aqua-Viva!)  im Ort Hohrodberg, fuhren Alexander, Hubertus und ich hinauf zum deutschen Soldatenfriedhof Hohrod - auch Bärenstall genannt. Hier fanden 
2 438 deutsche Soldaten des 1. Weltkrieges die letzte Ruhe. Außer den Einzelgräbern, die mit schwarzen Kreuzen oder bei jüdischen Gefallenen mit Grabsteinen gekennzeichnet sind, befindet sich dort auch ein Massengrab mit 942 deutschen Soldaten, von denen 542 unbekannt blieben.

Soldatenfriedhof Bärenstall
 
Bärenstall Friedhof
Bärenstall Kameradengrab
Bärenstall Inschrift


Ob auch mein Uropa Harm Dirksen unter diesen Unbekannten ist, vermag heute niemand mehr zu sagen.

Nachdem ich ein von mir vorbereitetes Foto meines Ur-Großvaters in das dort ausliegende Gästebuch eingeklebt hatte, verließen wir diesen heutzutage so friedlichen Ort.
Etwa fünf Autominuten entfernt erreicht man den Parkplatz des Museums am Lingekopf. Neben einer Ausstellung von Exponaten im Gebäude selbst, befindet sich dort ein Freigelände mit den alten Kampfgräben und Drahtverhauen aus der Zeit des  1. Weltkrieges. Die komplette Vollständigkeit und Erhaltung, wie sie dort präsentiert wird, spiegelt zwar den Zustand während des Krieges nur bedingt wider, man kann sich allerdings ein eindrucksvolles Bild von den örtlichen Gegebenheiten machen. 
Ich hatte mir das ganze Areal des Lingekopfes in meiner Phantasie immer größer vorgestellt. 
"Der Feind lag uns an manchen Stellen des Abschnitts in nur 10 m Entfernung gegenüber". Es zu lesen ist eine - es mit eigenen Augen zu sehen eine andere Sache! In unglaublich kurzem Abstand folgen die erste, zweite und dritte Linie der deutschen Stellungen, ausgebaut mit Unterständen, Drahtverhauen und Bunkern.

Museumsgelände auf dem Lingekopf
 


Durch meine Forschungen wußte ich in etwa, wo die 6.Kompanie des R.I.R. 74 am Abend des 2.8.1915 versucht hatte, am Tage zuvor verlorengegangene Grabenstücke erneut einzunehmen. Der Angriff war nach wenigen Metern blutig abgewiesen worden und dabei war mein Ur-Großvater gefallen. Leider ist gerade dieser steil abfallende Osthang des Lingekopfes durch den Baumbestand und das dichte Unterholz heute nicht mehr begehbar. 

In diesem Moment wünschte ich, meine alte Oma Grietje würde noch leben und ich könnte ihr nach meiner Rückkehr von dem Ort erzählen, an dem ihr Vater, fern von seiner Frau und den zwei kleinen Kindern, fern von Ostfriesland die letzten Stunden seines Lebens verbrachte.Alexander und Hinni
Bevor wir die Rückfahrt durch das schöne Münstertal antraten, besuchten wir noch den französischen Nationalfriedhof des Wettstein, den Cemetière des Chasseurs. Auch hier reiht sich Kreuz an Kreuz. Auf dem Friedhof ruhen etwa 3 600 gefallene französische Soldaten .
Wir wollten nicht nach Hause fahren, ohne uns noch die beiden anderen Friedhöfe anzusehen, auf denen in dieser Gegend deutsche Soldaten begraben sind.
Zum einen ist das der in Terrassen angelegte Soldatenfriedhof von Breitenbach unterhalb des Ilienkopfes. Hier ruhen noch einmal 2 271 Soldaten in Einzelgräbern und weitere 1 085 in einem Massengrab.
Auf dem zivilen Ortsfriedhof der Stadt Münster befindet sich im hinteren Teil ein abgetrennter Bereich für u.a. 382 gefallene Soldaten des 1. Weltkrieges.