Mein Ur-
Großvater im Ersten
Weltkrieg 1914 - 1915
Mein Ur- Großvater
Harm Klaassen Dirksen
wurde am 1. Oktober 1879, als drittes von 8 Kindern, in Hamswehrum,
einem kleinen Ort
in Ostfriesland geboren.
Im
Jahre 1900 wurde er zur Ableistung seiner 2- jährigen aktiven
Militärdienstzeit beim
Infanterie-Regiment Nr. 91 in Oldenburg einberufen. Nachdem er diese
Zeit beendet hatte,
heiratete er 1903 Margaretha, die noch im gleichen Jahr ihr erstes Kind
Grietje bekam.
Ab 1906 wohnte die Familie
in Emden/Ostfriesland,
wo Harm eine Stelle als Vorarbeiter bei einer Holz- und Baufirma
antrat.
Hinrich hieß sein zweites Kind, das 1909 in Emden zur Welt kam.
Mit der Mobilmachung
Deutschlands am 2. August 1914 erhielt auch er seinen Gestellungbefehl.
Er
war 34 Jahre alt, gehörte daher zur sog. Landwehr zweiten
Aufgebots und
wurde dem Ersatz-Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 73 in
Hannover zugeteilt, wo er
am 6. August 1914 eintraf.
Dieses Bataillon setzte
sich aus
vielen Freiwilligen, sowie gedienten Landsturm- und
Landwehrmännern
zusammen. So begann im August eine Zeit der Ausbildung und der
Übungen
in der Umgebung von Hannover.
Im Reserve-Ersatz-Regiment Nr. 4
Am 4. September 1914 wurde,
auf
Befehl des 10. Reserve-Armeekorps, das Reserve-Ersatz-Regiment Nr. 4
aufgestellt.
Harm gehörte der 5. Kompanie im II. Bataillon als Landwehrmann an.
Bereits
am 7.9. wurde das II. Bataillon per Bahn in Richtung Belgien in Marsch
gesetzt. Es sollte dort zur Bewachung von öffentliche
Gebäuden,
Bahnlinien u.s.w. eingesetzt werden. Doch noch während der
Bahnfahrt
traf ein telegrafischer Befehl ein, welcher besagte, dass das
Bataillon
in der belgischen Stadt Tirlemont (flämisch Tienen) auszuladen
sei.
Hier kam es vom 10. bis 12. September, im Gebiet um Tirlemont,
Löwen
und Diest zu Gefechten mit belgischen Truppen, die sich bereits auf dem
Rückzug befanden.
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Karte von
Belgien und Westflandern
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Am 16.9. traf das
Bataillon schließlich
in Brüssel ein, um dort bis zum 13.10. als Besatzungstruppe
Wachdienste
zu versehen. Harm schrieb in einem Feldpostbrief von 1.10., dass
ständig
Kanonendonner aus dem nahen Antwerpen (von deutschen Truppen, nach
zwölftägiger
Belagerung, am 9.10.1914 eingenommen) zu hören sei. Am 13.10.
marschierte
das II. Bataillon aus Brüssel ab. Daraufhin wurde es am 15.10. in
der belgischen Stadt Gent stationiert.
Gefecht bei Broodseinde (Flandern)
vom 22. bis
28.10.1914
Die zu kurz ausgebildeten
und schlecht
ausgerüsteten Reservekorps XXVI und XXVII, der neu formierten
deutschen
4. Armee (Albrecht von Württemberg) waren am 23./25.10. bei dem
flandrischen
Ort Zonnebeke (östlich Ypern) starken Angriffen ausgesetzt. Hier,
an der Verbindungsstelle der beiden Korps wurde das
Reserve-Ersatz-Regiment
Nr. 4 nach einem sehr anstrengenden Nachtmarsch bei strömendem
Regen
eingesetzt. Es war der Morgen des 26. Oktober.1914.
Der Ausgangspunkt des
Vormarsches
in südwestliche Richtung, war die Kreuzung der Bahnlinie Ypern /
Roeselare
mit der Straße Moorslede / Passendale. Heute befindet sich dort
eine
bekannte Käserei. Die Bahnlinie ist nur noch vage am Verlauf des
ehemaligen
Bahndamms zu erkennen.
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Ausgangspunkt
des Vormarsches
vom 26.10.1914
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Hier wurde das Regiment
in den folgenden
Tagen bis zum 13.11. in schwere Kämpfe verwickelt, jedoch das
Ziel,
die Einnahme des strategisch wichtigen Wegekreuzes Broodseinde, nicht
erreicht.
Die Verluste des Reserve-Ersatz-Regiments Nr. 4 betrugen vom 26.10. bis
14.11.1914: 11 Offiziere, 614 Unteroffiziere und Mannschaften. Mein Ur-
Großvater erlitt irgendwann zwischen dem 26.10. und ca. 2.11.1914
eine Verwundung durch Granatsplitter im rechten Oberschenkel.
Fest steht, dass er am
6.11.1914
in das Reservelazarett "Motivhaus" in Berlin Charlottenburg
eingeliefert
wurde. Er blieb dort bis zum 19.12.1914. Nach einem Urlaub zu
Weihnachten
befand er sich wieder beim Ersatz-Bataillon des
Reserve-Infanterie-Regiments
Nr. 73
in Hannover, wo er Anfang Februar 1915 erneut
feldmarschmäßig
eingekleidet
wurde.
Beim
Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 74
Mitte Februar 1915 wurde er
zum hannoverschen
Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 74 versetzt. Dieses hatte gerade,
während
der sogenannten Champagne Schlacht, starke Verluste gehabt. Hier wurde
er der 6. Kompanie zugeteilt und kämpfte bis Mitte April 1915 in
den
Schützengräben der Champagnefront in Frankreich.
Am 17.4. wurde das Regiment
aus
der Front abgezogen und kam im Raum Strassburg in "Ruhestellung". Am
14.5.
wurde, mit dem neuesten Ersatz, Harms Vetter Udo Dirksen der 6.
Kompanie
zugeteilt. Die Ruhezeit diente der personellen und
dienstmäßigen
Auffrischung des Regiments. Am 16.5.1915 wurde das Regiment, über
Colmar (Elsaß) nach Metzeral in Marsch gesetzt. Hier in den
Hochvogesen
war seit dem Herbst 1914 zeitweise heftig gekämpft worden. Das
Regiment ging
nahe den Dörfchen Mühlbach und Tiefenbach in Stellung und
bezog
dort den Schützengraben. Die Soldaten der Niederdeutschen
Tiefebene
lagen, an manchen Stellen nur 10 Meter entfernt, der französischen
Gebirgs-Eliteeinheit den sog. "Alpenjägern" gegenüber.
Etwa um den 20.5. bemerkten
die
deutschen Soldaten auffallende Tätigkeiten der
gegenüberliegenden
feindlichen Truppen. Dieses Schanzen und Ausbauen der Stellungen
deutete
ernsthaft auf einen geplanten französischen Angriff hin.
Thyphus
Zur gleichen Zeit, als die
Franzosen
im Frontabschnitt des R.I.R. 74 einen schweren Angriff vorbereiteten,
machten
sich bei Harm erste Anzeichen von Thyphus bemerkbar. Am 21.5.1915 wurde
er mit den typischen Symptomen in das Seuchenlazarett "Logelbach", an
der
Straße Colmar/Türckheim gelegen, eingeliefert. Die
Seuchenlazarette
unterschieden sich dadurch von anderen Krankenanstalten, dass sie
niemals Kranke an andere Lazarette abgaben, sondern jene erst dann
entließen,
wenn keine Gefahr der Weiteransteckung bestand. Auch wurden diese
Lazarette
im 1. Weltkrieg immer im sogenannten Etappengebiet, also kurz hinter
der
Front und nie in der Heimat angelegt. So konnte die Gefahr einer
Verschleppung
nach Deutschland weitestgehend ausgeschlossen werden. Im
Deutsch-Französischen
Krieg von 1870/71 hatte man diesbezüglich schlechte Erfahrungen
gemacht.
Während Harms
Abwesenheit
hatte das R.I.R.74 schwere Kämpfe um die Stadt Metzeral zu
bestehen.
Allein am 15./16. Juni 1915 hatte das Regiment fast 500 Mann
Verluste!
Am 1. Juli 1915 schrieb
mein Ur-
Großvater Harm Dirksen seine letzte überlieferte
Feldpostkarte
aus dem Lazarett Logelbach nach Ostfriesland.
Liebe Kinder!
Vater ist jetzt
wieder ganz gesund. Es würde mich freuen, wenn ich Euch noch ein
paar
Tage besuchen könnte. Aber weil unsere Truppen hier sind, geht es
leider nicht. Auch Ihr würdet Euch sicher freuen. Hoffentlich ist
bald Friede und ich kehre gesund wieder heim. Dann ist die Freude umso
größer.
Viele
Grüße Euer
Vater |
Er sollte seine Kinder
nicht wiedersehen....

Am 6. Juli wurde das
Regiment aus
der Front zurückgezogen und kam in Colmar in Ruhestellung. Harm
wurde
am 7. Juli aus dem Lazarett entlassen und kehrte zur 6. Kompanie
zurück.
Bis zum 30. Juli 1915 dauerte diesesmal die Ruhe des Regiments.
Während
dieser Zeit wurden die Kompanien wiederum mit ca. 500 Mann Ersatz aus
Deutschland
aufgefüllt.
In Stellung am Lingekopf
Am 31. Juli 1915 war die
Ruhezeit vorbei
und das Regiment bezog weiter nördlich, nahe der elsässischen
Stadt Münster neue Gräben. Die Namen der Gipfel der drei
beherrschenden
Höhen dort lauten: Lingekopf, Schratzmännele und Barrenkopf.
Durch starkes französisches Artilleriefeuer auf die Stellungen der
5. und 6. Kompanie am Lingekopf, mussten sich diese am Nachmittag
des 1.8. zurückziehen und Teile des von ihnen besetzten Grabens,
unter
schweren Verlusten aufgeben.
Der 2. August 1915 ist der
Todestag
Harm Dirksens.
In der Regimentsgeschichte des R.I.R.74 heißt
es:
"In der Nacht
und dem darauffolgenden
2. August richtet sich der Franzmann in den Teilen unserer Stellung
ein,
die wir ihm überlassen mußten. Wir versuchen ihm diese
Arbeit
durch Minen und Handgranaten zu versalzen, aber er läßt sich
dadurch wenig stören. Dafür wird das Flankenfeuer immer
unerträglicher.
Deshalb unternimmt die 6. Kompanie mit Unterstützung der
5.
und 8. gegen Abend nochmals einen Angriff, aber der Franzmann ist auf
der
Hut. Er merkt unsere Absicht und empfängt uns mit wütendem
Gewehr-
und Handgranatenfeuer, so daß uns nichts anderes übrig
bleibt
als umzukehren. An diesem Tage verliert das II. Bataillon seine
sämtlichen
Kompanieführer. Leutnant Böhme und Leutnant Wulf, die
Führer
der 5. und 6. Kompanie sind mit 37 Mann verwundet und 17 Mann
werden
vemißt."
Unter den am Abend des 2.
August, zunächst
vermissten, später als gefallen bestätigten 17 Soldaten
befand
sich auch mein Ur- Großvater Harm Klassen Dirksen. Der aus dem
Krieg zurückkehrende
Vetter Udo berichtete, Harm sei durch einen Kopfschuß gestorben.
Am Tag seines Todes war er 35 Jahre alt.
Laut Angaben des
Volksbundes Deutscher
Kriegsgräberfürsorge wurde er vielleicht in einem
sogenannten
Kameradengrab, auf einem der drei deutschen Kriegerfriedhöfe in
den
Vogesen beerdigt. Ein Einzelgrab konnte nicht ausfindig gemacht
werden. |