Es ist der 31. Juli
1998, der dritte
Tag meines Aufenthalts in Ypern/Westflandern. Wieder fahre ich auf
einer
meiner Radtouren durch die schöne und geschichtsträchtige
Landschaft.
Heute habe ich den Weg in nordöstlicher Richtung
gewählt.
Als ich auf dem
Rückweg von
Langemark in Richtung Ypern fahrend an einem Bauernhof vorbeikomme,
entdecke
ich auf einer Wiese hinter der großen Scheune einen jener
Betonbunker,
die neben den Schützengräben und Bombentrichtern die
Frontlinien
der sogenannten 3. Flandernschlacht geprägt haben. Auf meiner
deutschen
Landkarte aus dem Jahr 1917 finde ich den Bauernhof, der während
des
1. Weltkrieges an gleicher Stelle stand und "Candid Troere Hof" genannt
wurde. Auf englischen Karten heißt er "Gournier Farm". Er ist
genau
heute vor 81 Jahren von englischen Truppen der 38. Division eingenommen
worden.
Außer,
dass Ferme
soviel wie Hof / Farm heißt, weiß ich leider nicht,
was
der Name bedeutet.
Da ich mir so einen Bunker
auf
jeden Fall aus der Nähe anschauen möchte, fahre ich in den
Hof
hinein. Nachdem ich mich mehrmals durch Rufen bemerkbar gemacht habe,
springt
auch schon der auf fast jedem flandrischen Bauernhof wachende
Schäferhund
laut bellend auf mich zu. Dadurch aufmerksam geworden erscheint auch
schon
der Besitzer des Hauses. Er gewährt mir gerne den Zugang zu dem
Bunker.
An dieser Stelle
möchte ich
erwähnen, dass alle Menschen, die ich während meiner
Reise
in Flandern kennengelernt habe, sehr aufgeschlossen und hilfsbereit
waren.
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| (1)
Außenansicht der Südostseite |
In den Jahren des
Krieges gab es
in Flandern immer ein großes Problem beim Stellungs- und
Schützengrabenbau.
Die Soldaten beider Seiten hatten in vieler Hinsicht sehr unter den
hohen
Grundwasserspiegel dieser Gegend zu leiden. Schon bei einer Tiefe von
ca.
1,5 Metern (stellenweise weniger) füllten sich die ausgehobenen
Gräben
mit Wasser, sodass zum Bau eines Schützengrabens sogenannte
Sandsackstellungen
angelegt werden mußten.
"Der
flandrische Stellungsbau
ist ein furchtbarer, zäher und beinahe vergeblicher Kampf mit der
Nässe, der sich über Jahre hinauszieht. Hunderttausende
gefüllter
Sandsäcke werden herangeschafft und aufgebaut. Das Wasser
durchweicht
sie und zieht sie in den Brei herab.
Jede noch so kleine
Erdaufschüttung,
jedes Stück Bahndamm, jeder Hügel, wo eimal eine
Windmühle
gestanden, wird zur Anlage eines kümmerlichen Unterstandes
verwendet.
Man gewinnt kaum Schutz, nicht einmal gegen die leichtesten Granaten.
Da
die feindliche Artillerie diese Stellen sehr schnell erkennt, werden
sie
nur zu Menschenfallen. Der allermenschlichste Drang nach einem Dach
über
dem Kopf wird hier hundertfach zum Verräter."
Werner Beumelburg 1929
/ Sperrfeuer
um Deutschland
Abhilfe sollten hier u.a.
die ab ca. 1916
vermehrt gebauten Bunker aus Beton schaffen. Sie konnten aus den
bekannten
Gründen natürlich ebensowenig eingegraben werden. Dies hatte
zur Folge, dass sich die würfelförmigen Klötze in
der
flachen, durch den Krieg trostlos leer gewordenen, Landschaft deutlich
abhoben. Deshalb versuchte man durch Aufschüttung von Erdreich
und
Tarnung mit Ästen u.s.w. einen gewissen Schutz gegen Flieger zu
erreichen.
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(2)
Bunker in der
von Bomben durchwühlten Landschaft
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Die Bunker hatten meist
einen Eingang
nach hinten und einen oder mehrere kleine Innenräume von nur
geringer Höhe.
Die Aussenmaße des
von mir
untersuchten Bunkers betragen etwa 7 mal 7 Meter. Dieser hat zwei
Eingänge.
Einen nach Südosten (Foto 1), durch den man in einen schmalen "
Flur
" (Foto 3) gelangt. Außerdem auf der Rückseite einen
zweiten,
der noch durch eine Art Splitterwand geschützt ist (Foto 4). Vom "
Flur " zweigen links zwei kleine Räume ab.
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| (3)
Südosteingang
und " Flur " |
(4)
Splitterschutz Nordosteingang |
"In diesen
trostlosen Behausungen
konzentriert sich alles Lebendige, schachbrettartig über die Ebene
verteilt. Sie sind der Aufenthaltsort der Stellungstruppen, der
Stäbe,
der Geschützbesatzungen. Zwischen ihnen vollzieht sich bei Nacht
der
Verkehr. Sie dienen zur Orientierung in dem phantasielosen
Gelände,
wo ein Quadratkilometer dem anderen gleicht an Armut, Schmucklosigkeit
und breiiger Monotonie."
Werner Beumelburg 1929
/ Sperrfeuer
um Deutschland
Die Inschrift auf der Tafel
an der
südöstlichen Seite lautet:
IN MEMORY OF
COMRADES OF 38
th WELSH DIVISION 1914 - 1918
Während ich geduckt
durch die
dunklen Räume des kalten, muffig riechenden Bunkers gehe, frage
ich
mich, was sich hier für Geschichten und Tragödien abgespielt
haben mögen. Wie viele Schicksale haben sich hier erfüllt? An
den vielen Abdrücken im Boden erkenne ich, dass er heute
zum
Glück nur noch den Kühen als Schutz vor dem berühmten "
flandrischen Regen " dient. Dann trete ich hinaus in das warme
Sonnenlicht.
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